ERHT als Standard

ERHT wird Standard: Warum Rettung aus Höhen und Tiefen neu gedacht werden muss.

ERHT ist für uns kein Randthema und kein kurzfristiger Trend, sondern ein Bereich, in dem sich entscheidet, wie ernst wir Sicherheit, Verantwortung und Professionalität im Alltag wirklich nehmen. In vielen Gesprächen mit Feuerwehren, Ausbildern und Trägern merken wir: Die Fragen werden konkreter, die Anforderungen klarer, und der Wunsch nach Lösungen wächst, die im Einsatz funktionieren und zugleich nachvollziehbar, prüfbar und regelkonform sind.

Diese Entwicklung trifft den Kern unserer Unternehmensphilosophie. Wir glauben daran, dass Fortschritt nicht durch Schlagworte entsteht, sondern durch saubere Standards, konsequente Ausbildung und ein Systemdenken, das den gesamten Prozess betrachtet: von der Auswahl der Ausrüstung über Training und Prüfung bis zur Rettung. Uns motiviert dabei eine intrinsische Haltung, die wir jeden Tag leben wollen: Entwicklung innerhalb unserer Branche nicht nur zu beobachten, sondern aktiv voranzutreiben und vorzuleben. Genau deshalb ordnen wir die aktuellen Veränderungen ein und zeigen, warum ERHT in Zukunft eine größere Relevanz haben wird.

ERHT gewinnt gerade deshalb an Bedeutung, weil sich der Rahmen verschiebt, in dem Feuerwehren heute retten müssen. Lange Zeit war „Absturzsicherung“ im Einsatzdenken vieler Einheiten vor allem Eigensicherung. Ein Trupp sichert sich gegen Absturz, arbeitet in einem gefährdeten Bereich, und wenn eine Person gerettet werden muss, wird situativ eine Lösung gebaut, oft mit Verfahren, die historisch aus dem Bergsport oder aus improvisierten Feuerwehrtraditionen stammen. Das funktioniert in Teilen, aber es passt immer weniger zu dem, was Arbeitsschutz, Unfallversicherungsträger und der europäische Rechtsrahmen für PSA verlangen. Und genau an dieser Stelle wird ERHT zu einer Brücke zwischen alltäglicher Einsatzrealität und einem Systemverständnis, das heute rechtlich, versicherungstechnisch und organisatorisch immer stärker eingefordert wird.

Der entscheidende Punkt ist dabei nicht, dass knotenlose Systeme „moderner“ wirken oder dass man sich von alten Methoden abgrenzen möchte. Der Punkt ist, dass Verantwortung und Nachweisbarkeit sich verschoben haben. Wer heute PSA gegen Absturz einsetzt, tut das nicht mehr in einem luftleeren Raum handwerklicher Erfahrung, sondern innerhalb eines klar definierten Rahmens, der schon beim Inverkehrbringen und bei der Konformität der Ausrüstung beginnt und sich bis zur Anwendung im Einsatz fortsetzt. Auf europäischer Ebene ist das die Verordnung (EU) 2016/425 und damit der europäische Rechtsrahmen für PSA. Auf nationaler Ebene wirken die DGUV-Regeln als konkrete Auslegung in die Praxis hinein. Besonders relevant ist hier die DGUV Regel 112-198, weil sie genau diese Schnittstelle beschreibt: Sie behandelt die Auswahl und Benutzung von PSA gegen Absturz und bezieht sich dabei ausdrücklich auf die Verordnung (EU) 2016/425 als Grundlage. Damit entsteht eine direkte Kette: Sobald eine Feuerwehr PSA gegen Absturz einsetzt, muss sie diese so auswählen, bereitstellen und benutzen, dass die Bedingungen des europäischen Rechtsrahmens für PSA eingehalten sind. Es ist also nicht so, dass die EU-Verordnung „irgendwo im Hintergrund“ steht. Sie ist der Sockel, auf den die DGUV-Regeln ihre Logik aufsetzen.

Aus dieser Verbindung ergibt sich zwangsläufig eine neue Relevanz für ERHT. Denn DGUV 112-198 bleibt nicht bei der Frage stehen, ob ein Gurt vorhanden ist und ein Seil hält. Sie zwingt dazu, PSA als System zu denken. Das beginnt bei der Kompatibilität der Bestandteile, setzt sich fort in Unterweisung und regelmäßiger Übung und endet bei Prüfung und Dokumentation durch befähigte Personen. Und vor allem, es rückt die Rettung als Bestandteil des Systems in den Mittelpunkt. Wer gegen Absturz sichert, muss auch die Rettung aus dem System heraus mitdenken. ERHT wird damit nicht zu einem Zusatz, sondern zur logischen Konsequenz der Frage, wie man Absturzgefahren regelkonform beherrscht. Der klassische Blick „Eigensicherung reicht“ wird zu kurz, wenn die Realität zeigt, dass Rettung aus Höhen und Tiefen nicht nur seltene Extremfälle sind, sondern regelmäßig in alltäglichen Einsatzlagen auftauchen.

„…wer PSA nutzt, muss sie als konformes System denken.“

 

Genau an dieser Stelle wird auch verständlich, warum der Entwurf zur Neufassung der FwDV 1 die Dinge anders rahmt als viele es aus der bisherigen Praxis gewohnt sind. Auch wenn der Entwurf nicht auf jeder Seite die EU-Verordnung nennt, setzt er an der richtigen Stelle an: Er bindet PSA ausdrücklich an die Unfallverhütungsvorschriften und Regeln der Unfallversicherungsträger und verweist darauf, dass je nach Aufgabengebiet die DGUV-Vorschriften zu beachten sind. Damit wird die Verbindung zur DGUV 112-198 nicht indirekt, sondern operativ wirksam. Wenn die FwDV 1 künftig sagt, PSA ist nach diesem Rahmen zu nutzen, dann wird die Verordnung (EU) 2016/425 über den Weg der DGUV-Regeln faktisch zur Voraussetzung, weil sie als europäischer Rechtsrahmen für PSA den Maßstab dafür setzt, was als konforme Ausrüstung überhaupt in Verkehr gebracht und eingesetzt werden darf.

Aus diesem Kontext heraus erklärt sich auch der Trend zu geschlossenen, knotenlosen Systemen. Der Kern ist weniger eine ästhetische oder kulturhistorische Abgrenzung, sondern die Frage nach Reproduzierbarkeit und Verantwortlichkeit. Knotenbasierte Verfahren haben viele Variablen. Sie hängen an Fertigkeit, Routine, Trainingstiefe, Tagesform, Stress, Handschuhen, Nässe, Dunkelheit und Kommunikation. In der Feuerwehrrealität, mit wechselnden Trupps und begrenzter Übungszeit, führt diese Variabilität zu einem Problem: Es lässt sich schwerer standardisieren, schwerer prüfen, schwerer dokumentieren, und vor allem schwerer sicherstellen, dass die Anwendung in jeder Lage identisch sicher abläuft. Geschlossene Systeme reduzieren Variablen. Sie arbeiten mit definierten Kombinationen, mit festgelegten Bedienlogiken, mit klaren Herstellerangaben zur zulässigen Nutzung und zu Grenzen. Das ist nicht nur ein Komfortargument, sondern ein konsequentes Arbeitsschutzargument. Denn wenn die Herstellerangabe den Systemrahmen definiert, dann wird die Anwendung einfacher in eine DGUV-konforme Organisationslogik einzubetten: Unterweisung, wiederkehrende Übung, Prüfung, Dokumentation, und eine Rettungsstrategie, die nicht improvisiert, sondern vorgesehen ist.

Ein Aspekt, der in der Praxis zunehmend relevant wird, ist die Frage, wie „Systeme“ entstehen, die zwar aus einzeln konformen Komponenten bestehen, deren Zusammenstellung aber nicht als geschlossenes Gesamtsystem nach dem europäischen Rechtsrahmen für PSA bewertet wurde. Solche Konfigurationen wirken auf den ersten Blick attraktiv, weil sie flexibel sind und sich herstellerübergreifend aus bewährten Einzelteilen kombinieren lassen. Genau hier liegt jedoch die Schwachstelle: Sobald aus einer Sammlung einzelner Produkte ein vermeintliches „System“ wird, müssen Kompatibilität, Zweckbestimmung, zulässige Kombinationen und die Grenzen der Anwendung nicht nur plausibel erscheinen, sondern belastbar nachweisbar sein. Bei PSA gegen Absturz, die typischerweise der Kategorie III zugeordnet ist, bedeutet das in der Konsequenz, dass die Anforderungen an Konformitätsbewertung nicht bei der Einzelkomponente enden, sondern der Systemanspruch auch eine systematische Prüfung und Absicherung verlangt, insbesondere durch eine EU-Baumusterprüfung (Modul B) und eine anschließende Produktionsüberwachung. Der Verzicht auf Konstrukte, die diesen Nachweis nicht in einer klaren, nachvollziehbaren Form erbringen, ist daher kein konservativer Reflex, sondern ein logischer Schritt innerhalb der geschaffenen Regelungen: Er reduziert Interpretationsspielräume, stärkt die Rechtssicherheit, schützt die Einsatzkräfte und vereinfacht die Argumentation gegenüber Trägern, Kommunen und Unfallversicherungsträgern. Herstellerunabhängigkeit bleibt dabei ein Vorteil, aber sie funktioniert am besten dort, wo sie sich auf die herstellerunabhängige Prüfung, die saubere Dokumentation und die konsequente Nutzung eindeutig konformer Systeme stützt, statt auf Konfigurationen, deren Systemstatus im Zweifel unklar bleibt.

„…wer als Feuerwehr retten will, muss den Rettungsprozess als integralen Bestandteil dieser Systematik beherrschen.“

 

Hier setzt unser Schulungssystem an. Bei den Industriekletterern Dortmund schulen wir nicht nur für den Status quo, sondern mit Blick auf die Entwicklung, die sich in Regelwerk, Taktik und Technik abzeichnet. Das bedeutet in der Ausbildung: Wir koppeln die praktische Anwendung konsequent an die Systemlogik aus DGUV 112-198 und die Anforderungen aus dem europäischen Rechtsrahmen für PSA. Wir trainieren nicht nur Handgriffe, sondern auch die Entscheidungswege: Was ist Eigensicherung, was ist Rettung, was ist der zulässige Rahmen der eingesetzten Ausrüstung, und wie sieht ein Prozess aus, der im Einsatz reproduzierbar funktioniert. Genau das ist die eigentliche Stärke von ERHT, wenn man es ernst nimmt: Es schafft Standards, die sich in einer Feuerwehrstruktur abbilden lassen, auch unter Zeitdruck, auch mit wechselnden Trupps.

Ein weiterer Punkt wird in der Diskussion häufig unterschätzt, hat aber enorme praktische Wirkung für Städte, Kommunen und Träger: die herstellerunabhängige Prüfung. Viele Feuerwehren stehen vor der Herausforderung, ihre PSAgA jährlich prüfen und dokumentieren zu müssen, und gleichzeitig wirtschaftlich zu handeln. Wenn Prüfung und Sachkunde an monopolartige Service-Strukturen gebunden werden, steigen Kosten und Abhängigkeiten. Wird hingegen internes oder regionales Prüf-Know-how aufgebaut, können Gerätesätze effizient, planbar und kostenbewusst geprüft werden, ohne dass jede Prüfung zwangsläufig über den Hersteller laufen muss. Entscheidend ist nicht, ob ein Hersteller Service anbietet, sondern dass eine befähigte, geschulte Person nach den geltenden Regeln prüfen, dokumentieren und beurteilen kann, inklusive der Frage, ob ein Set in seiner konkreten Nutzung weiterhin zulässig und sicher ist. Das ist nicht nur eine finanzielle Entlastung. Es stärkt die Einsatzbereitschaft, weil Prüfzyklen, Aussonderungen und Ersatzbeschaffungen besser steuerbar werden.

In dieser Entwicklung liegt auch die Verbindung zur Philosophie von den Industriekletterern Dortmund. Wir bringen dabei nicht nur unternehmerische Energie, sondern auch die Perspektive aus der Feuerwehrwelt mit. Das prägt eine Haltung, die man in der Diskussion um neue Systeme selten so klar findet: Innovation ist kein Selbstzweck. Innovation ist eine Antwort auf reale Einsatzbedingungen, auf Arbeitsschutz und auf die Frage, wie man Rettung so organisiert, dass sie nicht vom Zufall individueller Knotensicherheit abhängt, sondern von Standards, die man schulen, prüfen und im Ernstfall sicher abrufen kann.

Wenn ERHT dadurch an Bedeutung gewinnt, dann nicht, weil alte Verfahren pauschal „falsch“ wären. Sondern weil die Anforderungen an Nachweisbarkeit, Systemkonformität und Rettungsfähigkeit steigen, und weil die FwDV 1 in ihrer zukünftigen Fassung diese Logik stärker in den Vordergrund rücken wird. Der Zusammenhang zwischen DGUV 112-198 und der Verordnung (EU) 2016/425 ist dabei ein Schlüssel, um den Wandel zu verstehen: Wer PSA nutzt, muss sie als konformes System denken. Und wer als Feuerwehr retten will, muss den Rettungsprozess als integralen Bestandteil dieser Systematik beherrschen. Genau deshalb wird ERHT von der Randdisziplin zur neuen Normalität.

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